Verein Deutsche Sprache deutschtümelt bei Olympia

10.08.2012 |

Laut einer Ankündigung vom Montag auf ihrer Webseite möchte der Verein Deutsche Sprache dem ARD-Reporter Wilfried Hark den neu erschaffenen „Dschammeeka-Preis“ verleihen. Der VDS-Vorsitzende Walter Krämer, der zuletzt als Wirtschaftswissenschaftler mit einem nationalistischen Manifest gegen den Eurorettungskurs der Bundesregierung auf sich aufmerksam machte, will mit dem neuen Preis Reporter auszeichnen, "die bei sportlichen Großereignissen am konsequentesten die deutsche Aussprache von Orts-, Länder- und Personennamen vermeiden". Hark hätte seiner Meinung nach die englische Ausspracheweise  „Dschammeeka“ antelle der deutschen "Jamaika" benutzt. Damit würde er sich „unterwürfig dem angelsächsischen Ausland“ anbiedern. Eine Ungeheuerlichkeit, die im Übrigen Spanier_innen und Italiener_innen so nie tun würden. 

Peinlich für den als kleinkariert geltenden Prinzipienreiter Krämer ist die vorschnelle Bekanntgabe des Preisträgers. Anstatt die nationalchauvinistische Dreistigkeit der Preisverleihung an sich zu kritisieren, weist Wilfried Hark nämlich lediglich von sich, die Ausprache „Dschammeeka“ selbst getätigt zu haben. Der VDS räumt nun seit vorgestern auf seiner Webseite ein, nochmal zu prüfen, welcher Reporter den Preis nun bekommen solle.

Erfreulicher wäre dagegen, wenn Hark nochmal öffentlich daraufhinweisen könnte, dass deutsche Aussprachen nichtdeutscher Eigennamen kein Wert an sich sind. Jamaica, dessen Amtssprache im Übrigen Englisch ist, auch englisch auszusprechen, ist nicht nur im Kontext eines internationalen Ereignisses wie Olympia angemessen, sondern auch durchaus korrekt (nachzuhören u.a. bei Bob Marleys "Buffalo Soldier"). Sehr schön erklärt mal wieder das Sprachlog, weshalb es sich beim aktuellen Ausfall des VDS um "karibische Umnachtung" handelt. Dass der VDS darin Unterwürfigkeit gegenüber dem Ausland ausmacht, offenbart das eigentliche Programm des selbsternannten Kulturbewahrerverbands. Nicht die an sich lohnenswerte Beschäftigung mit der Entwicklung von Sprache und deren Verständlichkeit steht im Vordergrund, sondern die Kränkung der nationalen Seele durch vermeintliche Herabsetzung gegenüber dem Fremden.

Letztendlich mündet das Ganze in plattem Antiamerikanismus. In einem Interview mit dem Tagesspiegel von heute verlautbart Krämer: "Durch die Übernahme der amerikanischen Sprechweise erkennt man implizit die Überlegenheit des angelsächsischen Zivilisationskreises an. Was ist das anders als Anbiederei?". Gibt es nun eine Überlegenheit, und der Frevel ist, sie anzuerkennen? Oder gibt es eine solche Überlegenheit nicht, und deshalb muss der deutschen Kultur (was auch immer das genau sein mag) wieder die Anerkennung in der Welt zuteil werden, die ihr gebührt? Der Ökonom Krämer, dessen Weltbild eines Wettbewerbs der Nationen  an das 19. Jahrhundert erinnert, lässt keinen Zweifel daran, dass er letzteres meint. Seinen Kritiker_innen und alljenen, die sich nicht von ihm deutsch belehren lassen wollen, wirft er "Sprachilloyalität" vor und malt ein Untergangsszenario einer Verschwörung von Mächtigen, die die deutsche Sprache "auf den Müllhaufen der Geschichte" befördern wollten.

Aber mensch muss fast dankbar sein, dass der VDS so sehr damit beschäftigt ist, sich an den USA abzuarbeiten. Zur Fußball-EM dieses Jahres sind ja unglücklicherweise polnische und ukrainische Orte häufig bei ihren früheren deutschen Namen genannt worden (z.B. Wrocław /Breslau). Obwohl es prominenten VDS-Mitgliedern, wie der Vorsitzenden des revanchistischen Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach sicher gefallen würde, kommen die Sprachpfleger_innen hoffentlich nicht noch auf die Idee, von Unterwürfigkeit gegenüber den Osteuropäischen Völkern zu schwadronieren, wenn sich nach und nach die heute gültigen polnischen und ukrainischen Bezeichnungen in deutschen Medien durchsetzen.

 

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